Im Folgenden nur wenige Auszüge aus der nun erschienenen
Eichkamp-Chronik
Sie umfasst 250 Seiten mit zahlreichen Fotos aus der Geschichte und Gegenwart
Der Autor Ralf Zünder hat dieses Projekt auf
dem Eichkamptreffen 2006 vorgestellt
Aus Kapitel 2 (Ende der 40er)
Wie die Studenten bald herausfinden, handelt es sich bei den beiden
Häusern um ehemalige Klassenpavillons des früheren
Mommsengymnasiums, die vom Grundstückseigentümer -
dem Hauptschulamt des Berliner Magistrats - trotz bestehender Raumnot
als lediglich abbruchreif eingestuft werden. Das Mommsen-Gymnasium war
im Vorkriegs-Berlin eine - sich vor allem auf die Sport-Erziehung
konzentrierende - Schule gewesen, der auch ein Internat angegliedert
war. Nach mehreren Standortwechseln wurde die Schule 1934
übergangsweise in das Tribünengebäude des
nahe gelegenen SCC-Sportplatzes (heute: Mommsen-Stadion) verlegt. 1937
begann man auf dem benachbarten Grundstück zwischen
S-Bahn-Strecke und Marienburger Allee mit dem Bau neuer
Schulgebäude. Doch konnten lediglich eine Turnhalle und zwei
Klassenpavillons fertig gestellt werden, bevor die Neubaupläne
widerrufen wurden. Denn wie es behördlicherseits
hieß, sollte das Gelände für den Bau von
Kasernen oder aber zur Nutzung zu Messezwecken freigehalten werden. Im
zweiten Weltkrieg wurden die beiden bereits existierenden Klassentrakte
durch Luftangriffe schwer beschädigt. Das
Turnhallengebäude brannte nach einem Bombentreffer vollkommen
aus.
1947 wurde der südliche Teil des Geländes von einer
Charlottenburger Gärtnerei gepachtet, die dort "einen der
Ernährung der Bevölkerung dienenden Gartenbaubetrieb"
errichtete. Für die beiden leer stehenden ramponierten und
wertlos erscheinenden Häuserruinen, deren Inneneinrichtung
weitestgehend geplündert worden war, interessiert sich dagegen
bis Anfang 1948 niemand ernstlich.
Ohne finanzielle
Mittel, ohne ausgebildetes Fachpersonal beginnen "die Eichkamper" - wie
sich die Studenten bald nennen - Anfang 1948 damit, Häuser und
Gelände zu sichern, zu enttrümmern und
freizuräumen. Der Wille, zumindest einen der Pavillons bis zum
Beginn des geplanten zweiten internationalen Sommerlagers als
Unterkunft herzurichten, wirkt geradezu stimulierend. Es sind Studenten
der TU, der HfbK, der Humboldt-Universität, anderer
Hochschulen, Schulen und Fachschulen, die sich dem wagemutigen Projekt
verschrieben haben. Viele studieren Architektur oder
Ingenieurwissenschaften, aber auch angehende Mediziner und
Geisteswissenschaftler sind darunter. Man versteht sich jedoch nicht
als rein studentischer Zirkel: Wie bereits 1947 gehören
Krankenschwestern und Gymnasiasten, Lehrlinge, Praktikanten, Fach- und
Meisterschüler, Kriegsheimkehrer und Ostflüchtlinge
dazu. Etwa die Hälfte der Gruppenmitglieder sind Frauen. Dass
sie wie selbstverständlich dieselbe körperlich
schwere Arbeit wie ihre männlichen Kommilitonen leisten,
lässt innerhalb der Gruppe traditionelle Rollenklischees
weitestgehend vergessen. Gayl, so etwas wie ein "Spiritus Rector" des
Vorhabens, knüpft in diesen Wochen erste Kontakte zum
Hauptschulamt, um die Möglichkeiten eines Nutzungsvertrages
auszuloten. Aufseiten des Magistrats zeigt man sich dem
Selbsthilfegedanken der studentischen Gruppe gegenüber
aufgeschlossen, hält für den Abschluss eines
Pachtvertrags allerdings einzig die Überlassung an eine
juristische Körperschaft für möglich.
Zwischenzeitlich haben die Studenten den an der Hochschule für
bildende Künste lehrenden Architektur-Professor Wilhelm
Büning von ihren Plänen unterrichtet. Büning
verspricht, sich für die "Eichkamper" einzusetzen und gewinnt
schon nach kurzer Zeit die HfbK als formalen Pächter
für Häuser und Grundstück. Durch die
Vermittlung Professor Bünings wird es auch möglich,
dass im Frühjahr 14 HfbK-Architekturstudenten einen Teil ihres
Pflichtpraktikums bei den Bauarbeiten für das beabsichtigte
Studentenzentrum ableisten. Viele der HfbK-Studenten fühlen
sich nach Beendigung des Praktikums dem Projekt so sehr verbunden, dass
sie sich auch weiterhin dem Aufbau Eichkamps widmen.
Unterstützt werden die Studenten erneut von den Jugendlichen
des Jugendhofs Lichterfelde . Es werden Zufahrtswege befestigt und
sogar ein kleiner Kartoffelacker und Gemüsebeete werden
angelegt. Bald kräht ein veritabler Hahn auf einem Misthaufen.
Baumaterialien werden von Ruinengrundstücken und
Abladeplätzen beschafft, aus dem Ausbildungsfonds der HfbK
bezahlt oder anderweitig "organisiert".
Die Vereinsgründung
Ab Oktober 1948 erhalten die Eichkamper - zusätzlich zu den
Geldern der HfbK - ebenfalls von der Technischen Universität
monatliche Zuschüsse. Auch die TU drängt die
Studenten zum Zusammenschluss in Form eines eingetragenen Vereins. Nach
einigen Entwürfen und Debatten wird daher am 20. Oktober 1948
von einem "Vorläufigen Organisationskomitee" die erste Satzung
der "Vereinigung für Internationale Studentenarbeit"
beschlossen. Über den Zweck der Vereinigung heißt es
im Paragraph 2 des Statuts lapidar:
"Die Vereinigung erstrebt eine internationale Verständigung
studentischer Kreise und praktische Zusammenarbeit für soziale
Zwecke."
Vereinsmitglied kann laut Satzung "jede Person werden, die sich zu den
Ideen der Vereinigung bekennt". Die Vereinigung finanziere sich "aus
Spenden und Subventionen der Universitäten und Hochschulen".
Ein dreiköpfiger Vorstand aus Vorsitzendem, Kassenwart und
Protokollführer wird gemäß Statut auf die
Dauer eines Jahres gewählt. Nachdem das politische
Überprüfungsverfahren durch die alliierten
Militärbehörden abgeschlossen ist, stellen am 5.
Januar 1949 Franz Gayl, Klaus Hartmann, Ruth Mähliß,
Irene Schulz und Kurt Fendrich den Antrag auf Vereinslizenzierung. Am
14. Januar 1949 findet in Eichkamp die konstituierende Sitzung der
Vereinigung statt. Im Sitzungsprotokoll heißt es
nüchtern:
"Nach eineinhalbjähriger studentischer Zusammenarbeit
beschließen die Anwesenden eine Vereinigung für
Internationale Studentenarbeit zu gründen. Sie hat sich eine
internationale Verständigung studentischer Kreise und
praktische Zusammenarbeit für soziale Zwecke zum Ziele
gesetzt. Die von der bisherigen Arbeitsgemeinschaft entworfenen
Statuten werden anerkannt."
Am 24. März
erfolgt beim Amtsgericht Charlottenburg der Eintrag in das
Vereinsregister. Fortan wird die Vereinigung auch vom (inzwischen West-)
-Berliner Magistrat durch zunächst
unregelmäßige Sonderzuschüsse
gefördert.
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Aus Kapitel 5 (Ende der 60er)
Politisch zeigt die Vista bereits seit einiger Zeit ein waches
Gespür für Fragen der Tagespolitik und
verschließt sich dabei gemäß den liberalen
Grundsätzen Eichkamps traditionell nicht
gegenüber anderen Meinungen. Vor 1968 ist
die mehrheitliche Stimmung unter den Studenten wohl am treffendsten als
"linksliberal" zu bezeichnen. Es ist die Zeit erster kritischer Fragen
und individueller Positionsbestimmungen. Im Gegeneinander der
unterschiedlichen Meinungen bemüht sich das offizielle
Eichkamp-Veranstaltungsprogramm um betonte Offenheit und
Unvoreingenommenheit. So diskutiert im Studentenwohnheim Eichkamp der
Vorsitzende der FDP-Bundestagsfraktion Wolfgang Mischnick mit dem
SDS-Mitglied Wolfgang Lefèvre über
"Parlamentarische und außerparlamentarische Opposition in
Deutschland (West)".
Neben den bislang gewohnten
Geselligkeitsveranstaltungen, wie Brauereibesichtigungen und
Eichkamp-Autorallyes, bemüht sich die Vista nun aber auch
(allerdings vergeblich) um den Besuch eines volkseigenen Betriebs in
Ost-Berlin. Auch Betriebsbesichtigungen, wie die bei der
Arzneimittelfirma Schering in Berlin-Wedding, bei Siemens oder auch
Besuche der Berliner Börse werden plötzlich mit neuen
Augen gesehen. Als die rechtsradikale NPD 1966 überraschende
Wahlerfolge erzielt, werden wenige Monate später sowohl ihre
Vertreter als auch die Westberliner SED-Tochterpartei SEW zum
kontroversen Disput nach Eichkamp geladen. Das linke Berliner
"ReichsKabarett", aus dem sich später das Grips-Theater
entwickeln wird, gastiert 1966 und 1967 mit seinen linkspolitischen
Kabarett-Gastspielen mehrmals im Studentenwohnheim Eichkamp. Auch die
bei den Anhängern der außerparlamentarischen
Opposition beliebten Schriftsteller Nicolas Born und Ernst Schnabel
lesen aus ihren Werken.
Die
betonte Unvoreingenommenheit und politische Offenheit der
Eichkamp-Vista lenkt zuweilen aber auch eine von den Studenten nicht
erwartete Aufmerksamkeit auf manche Veranstaltungen der
Eichkamp-Studenten. Mehrere Berliner Morgenzeitungen
überraschen ihre Leser am 10. November 1967 beispielsweise mit
ungewöhnlichen Schlagzeilen und Fotos anscheinend
wohlerzogener Studenten beim Besuch einer Lankwitzer Polizeikaserne.
Wenige Monate nach dem gewaltsamen Tod des Demonstranten Benno Ohnesorg
und in einem Klima erster studentischer Proteste und Unruhen erscheinen
die Fotos und Schlagzeilen in „Tagesspiegel“,
„Telegraf“,
„Nacht-Depesche“„Bild-Zeitung“,
„Berliner Morgenpost“ und
„Welt“ durchaus überraschend: "Polizei lud
ein- Es wurde heiß diskutiert“ und
"Überraschende Übereinstimmung festgestellt -
Studenten bei der Polizei" lauten die Schlagzeilen über den
Besuch der Eichkamp-Studenten bei der Polizei.
Aus Kapitel 6
(Ende der 70er)
1976
stellt das Wohnungsaufsichtsamt Berlin-Charlottenburg in den
fünf Häusern des ersten Bauabschnitts
„unerträgliche Wohnverhältnisse“
fest und fordert deren baldige Behebung. Dass in den 1958 erbauten
Häusern von Eichkamp I für bis zu 16 Bewohner nur
eine Toilette und Dusche bereit stehen und dass bis zu 22 Mieter sich
jeweils eine „Teeküche“ (mit
kärglichen vier Kochplatten) teilen müssen,
entspricht Mitte der siebziger Jahre auch keineswegs mehr dem aktuellen
Wohnstandards für Studentenwohnheime. Außerdem sind
die knapp 10 Quadratmeter großen Zimmer
unzeitgemäß klein, die Schall- und
Wärmeisolierung ist völlig unzureichend, und die
zahlreichen ungenutzten Gebäudeflächen - etwa im
Treppenhaus - sorgen für hohe Betriebskosten. Allen
Beteiligten ist schnell klar, dass allein eine grundlegende
Neukonzipierung und größere Umbaumaßnahmen
die Probleme dauerhaft und zufrieden stellend lösen
können.
Umgehend beauftragt das Studentenwerk Berlin zwei
Architekturbüros mit den Planungsentwürfen
für einen umfassenden, zeitgemäßen Umbau
und informiert im Januar 1978 die Mieter von den Sanierungsabsichten.
In den Gesprächen mit der Vista sind sich alle Beteiligten
zwar einig, die Bausubstanz zu verbessern und die Zimmer zu
vergrößern. Das Studentenwerk strebt allerdings
– anders als die Vista und gestützt auf eindeutige
Statistiken und repräsentative Meinungsumfragen - an, die
kleinen Eichkamp-„Buden“ in Appartements mit
eigener Kochnische, Toilette und Dusche umzuwandeln. Die Vista hingegen
beharrt auf der angeblich kommunikationsfreundlicheren bisherigen
Gemeinschaftswohnweise. Separate Duschen und Toiletten würden
von den Heimbewohnern – glaubt man einer von der Vista
durchgeführten Meinungsumfrage - als durchaus unnötig
angesehen. Außerdem verursache eine
„Luxusmodernisierung“, wie das Studentenwerk sie
beabsichtige, höhere Baukosten und als Konsequenz eine
unzumutbar hohe Miete.
Das Studentenwerk seinerseits betont demgegenüber,
Praxis-Erfahrungen hätten gezeigt, dass wegen des Fortfalls
von Bewirtschaftungs- und Reinigungskosten Appartement-Wohnheime
wesentlich günstiger zu bewirtschaften seien als Wohnheime in
konventioneller Gemeinschaftsbauweise. In mehreren Baubesprechungen
nähern sich die Standpunkte von Vista und Studentenwerk aber
schließlich einander an. Ende 1978 wird das
Architekturbüro Olaf Gibbins mit der Durchführung des
Umbaus beauftragt. Mittlerweile haben sich Studentenwerk und Vista auch
auf einen konzeptionellen Kompromiss geeinigt: Toiletten und Duschen
werden zwar in die vergrößerten Zimmer integriert,
auf individuelle Kochnischen wird jedoch zugunsten
zeitgemäß eingerichteter
Gemeinschaftsküchen verzichtet. Der Umbau der Häuser
1 und 2 soll im Oktober 1979 beginnen, die zunächst auf 1,8
Millionen DM geschätzte Sanierung soll je zur Hälfte
von der Bundesregierung und vom Land Berlin aufgebracht werden.
Doch
die Zusage aus Bonn lässt auf sich warten, der Baubeginn muss
verschoben werden. Während im Jahre 1980 weiterhin um die
Finanzierung gestritten wird, steigen die prognostizierten Baukosten
erheblich. Mit schließlich vorhergesagten 3,2 Millionen DM
Sanierungskosten für die ersten beiden Häuser werden
sogar entsprechende Neubau-Prognosen übertroffen. Als im
Oktober 1980 die ersten knapp 100 Zimmer bereits für die
bevorstehenden Bauarbeiten geräumt sind, kommt aus Bonn auch
noch die Nachricht, dass sich der Bund aufgrund seiner schlechten
Haushaltslage definitiv und vollständig aus der bisherigen
Bund-Länder-Finanzierung im Bereich Studentenwohnheimbau
zurückziehe. Das Umbau-Projekt steht damit kurz vor dem Aus.
Doch der zuständige Berliner Wissenschaftssenator kann
schließlich erreichen, dass die Kosten in voller
Höhe vom Land Berlin übernommen werden.
Hätte sich das Land Berlin nämlich nicht zu diesem
kostenträchtigen Schritt entschlossen, hätten die
unsanierten Häuser auch nicht mehr vermietet werden
dürfen. Pressemeldungen, dass trotz großer
Wohnungsnot ganze Studentenwohnheime leer stünden, galt es
politisch allerdings zu vermeiden.
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